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Nun wird man ja fast täglich mit Umfragen zu allen möglichen Themenbereichen in den Medien konfrontiert. Die enorm hohe Anzahl erscheint schon mittlerweile etwas inflationär. Manche bemerkenswerten Fakten mögen dabei sein, aber größtenteils nimmt man die Ergebnisse der Umfragen im Grunde genommen nur zur Kenntnis und vergisst sie dann wieder nach kurzer Zeit. In der letzten Woche war dies etwas anders. Zumindest für mich als überzeugten Demokraten. Die Frage, ob das jetzige Wirtschaftssystem in Deutschland beibehalten werden soll, beantworteten 88% mit Nein. Oder anders ausgedrückt: 88% der Deutschen wünschen sich ein anderes Wirtschaftssystem – wie auch immer dieses ausgestaltet sein mag.

Wenn man ketzerisch wäre, müsste man denjenigen, die dagegen waren zurufen, dass sie doch alle ein wenig undankbar seien oder sie fragen, ob sie keine Nachrichten schauen. Denn hieß es nicht noch vor knapp zwei Wochen, dass der Aufschwung endlich auch in Deutschland messbar angekommen sei? Die Politiker, die Unternehmen und eine ziemlich breite Medienlandschaft überschlugen sich mit Lobeshymnen. „Ein neues Sommermärchen“, „Boom“ waren nur einige der Schlagworte, die man in den Schlagzeilen der Berichterstattung lesen konnte.

Der Aufschwung kommt nicht an

Leiden also diese 88% der Deutschen an Realitätsverlust? Mit Sicherheit nicht. Denn wenn man hinter die Fassade des Wachstums schaut, kommt die große Diskrepanz zwischen dem was als Gesamtergebnis vermeldet wird und dem, was in der Masse bei den Menschen ankommt, zum Vorschein. Meinhard Miegels aktueller Buchtitel „Wohlstand ohne Wachstum“ könnte man hier umdrehen in „Wachstum ohne Wohlstand“. „Quantität statt Qualität“ schreiben die „Nürnberger Nachrichten“ in ihrem aktuellen Kommentar zu diesem Thema. Was hat schließlich Otto Normalbürger davon, wenn die Gewinne bei den großen Banken wieder exorbitant sprudeln?

Der Sozialismus ist gescheitert und hat den Großteil der osteuropäischen Staaten (vor allem die DDR) ruiniert und den Völkern ihrer Freiheit beraubt. Die Entfesselung der freien Märkte (sprich Kapitalismus) hat fast die ganze Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Und die Krise ist noch längst nicht ausgestanden. Billionen Dollars und Euros an Schulden wurden zur Rettung von Banken und sogar von kompletten Volkswirtschaften aufgenommen, um dem totalen Kollaps zu entgehen. Diese enorme Schuldenlast lähmt nicht nur die Sorgenkinder Europas wie Griechenland, Portugal oder Spanien sondern vor allem die großen Weltwirtschaften USA, Deutschland, Japan und Großbritannien. Diese sind für mehrere Generationen in ihrer Handlungsmacht extrem eingeschränkt. Auch wenn die Regierungen nun langsam beginnen, die Finanzmärkte (versuchen) zu bändigen, sehen die Menschen die Gefahr, dass diese Maßnahmen nicht ausreichend sind, um die nächste Krise zu verhindern. Auch diese Befürchtung ist einer der Gründe, warum die Menschen dem jetzigen Wirtschaftssystem mit den handelnden Akteuren nicht mehr trauen.

Auswege?!

Aber gibt es eine Wirtschaftsform, die eine ernstzunehmende Alternative darstellt? Ein Mix zwischen Sozialismus und Kapitalismus, so wie er mehr oder weniger in China existiert? Ich denke nicht, dass dies weder von den 88% gewünscht wird noch dass es tatsächlich in einem Land wie Deutschland realisierbar wäre. Sicher kann man sich darüber Gedanken machen, ob man hier und da mehr Staat zulässt oder in bestimmten Bereichen den Bürgern mehr Eigenverantwortung überlässt. Es muss nur endlich einmal eine klare Linie der Politik erkennbar sein und das über einen längerfristigen Zeitraum. Und es sollten nicht nur permanent Gesetze verabschiedet werden, die dann (eine Lieblingsvokabel der Politikerzunft) regelmäßig nachgebessert werden. Hartz-IV, Rente mit 67, Steuererleichterungen der Hotelbranche oder AKW-Laufzeiten sind nur einige Beispiele. Die Bürger vermissen die Verlässlichkeit und die Stringenz der Entscheidungen. Stattdessen erleben sie alltägliche innerparteiische Streitereien und Kompetenzgerangel. Das Volk fragt sich: „Geht es den Regierenden tatsächlich um das Wohl des Landes oder nur um den Machterhalt?“ oder „DAS sollen Vorbilder sein?“. Wo sind die charismatischen Köpfe, nach denen das Land sich sehnt? Wo sind die von Weizsäckers, die Genschers, die Schröders, die Brandts, die Wehners dieser Republik?

Politiker ohne Ansehen

Es ist symptomatisch, dass in einer anderen Umfrage „Wer verkörpert das Deutschland wie Sie es sich wünschen“ sich auf den ersten vier  Plätzen kein einziger aktuell regierender Politiker befindet. Günther Jauch, Alt-Kanzler Helmut Schmidt, Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger… Erst dann kommen Ursula von der Leyen und Karl Theodor zu Guttenberg. Angela Merkel schafft es gerade einmal auf Platz 10. Gleichauf mit Thomas Gottschalk und nur knapp vor Mesut Özil.

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