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Neben dem alljährlich auftretenden Phänomen des “Sommerlochs” scheint Katja Kipping, ihres Zeichen stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei, nun in das “Weihnachtsloch” getappt zu sein. Anders lässt es sich wohl nicht erklären, dass ihre Forderung nach Abschaffung der Adelstitel in Deutschland es sogar auf die Startseite diverser Nachrichtenportale im Netz geschafft hat. Stein des Anstoßes ist Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, ein Nachkomme eines fränkischen Adelsgeschlechts. Kipping wirft ihm die Instrumentalisierung seiner adeligen Herkunft vor. So heißt es wörtlich:

“Guttenberg versucht sich als jemand darzustellen, der anders ist als das politische Establishment.” (…) Er operiere dabei geschickt mit Bildern, sei es am Times Square in New York oder an der Seite seiner Gattin bei der Bundeswehr in Afghanistan. (…) Der CSU-Politiker knüpfe “an die Unzufriedenheit mit der real existierenden Demokratie” an und spiele “mit dem Bedürfnis nach einem aristokratischem Führungsstil”. Guttenberg stille damit eine “vordemokratische” Sehnsucht in Teilen der Bevölkerung (Quelle: n-tv.de).

Ist Guttenberg anders? Ja!

Etwas Wahres kann man dieser Aussage entnehmen. Und zwar, dass zu Guttenberg “anders” ist, als viele, die bisher politische Verantwortung in Deutschland übernommen haben. Wer sich jedoch den Adelstitel als dafür hervorstechendes Merkmal herausnimmt, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Das Ansehen der Politiker ist auf einem erschreckend niedrigem Niveau. Fast keine Partei kann sich von dem Image lösen, dass die politische Klasse nur von Wahl zu Wahl denkt und nicht konsequent die Interessen des Volkes vertritt. Sinkende Wahlbeteiligungen und Beliebtheitswerte sprechen Bände. Zu Guttenberg hingegen vertritt einen Typus, den sich viele Menschen wünschen: Klare Worte, energisches Auftreten, durchsetzungsfähig, konsequent. So hat er sich während der Finanzkrise als erster ranghoher Politiker (damals war er Wirtschaftsminister) gegen eine Staatsbürgschaft für Opel ausgesprochen. Wurde die Aussetzung der Wehrpflicht zu Beginn der Debatte noch kategorisch ausgeschlossen, so konnte er sich am Ende mit seiner Ansicht durchsetzen und selbst die konservativen Parteifreunde auf seine Linie bringen. Mit seinem Vorschlag, das Verteidigungsministerium faktisch komplett nach Berlin zu verlagern, betrat er derart dünnes Eis, auf das sich viele seiner Kollegen erst gar nicht gewagt hätten. Man mag manch mediale Darstellung, z.B. der Besuch der Bundeswehrtruppen in Afghanistan, in Begleitung seiner Gattin Stephanie, als Inszenierung wahrnehmen. Aber ist dieses Urteil gerecht? Stephanie zu Guttenberg ist auf eigene Kosten mitgereist. Außerdem ist es nicht das erste Mal, dass ein Politiker seine Frau auf eine Auslandsreise mitnimmt. Ob irgendjemand davon Notiz genommen hätte, wenn zu Guttenbergs Amtsvorgänger Franz-Josef Jung oder Peter Struck samt Ehefrau an den Hindukusch gereist wäre? Wohl eher nicht! Frau zu Guttenberg hat einzig jenen Nachteil, dass sie die Ehefrau eines aufstrebenden Politikers ist und bereits selbst durch ihren öffentlichen Einsatz gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Einer Arbeit, der sie im Übrigen bereits seit 2006 nachgeht, als der Name zu Guttenberg noch weitestgehend unbekannt war.

Medienecho & öffentliche Wahrnehmung

Aber das Haar in der Suppe war gefunden und das Urteil der politischen Gegner eindeutig: “Fehlt nur noch Frau Katzenberger”, “Selbstinszenierung” oder “instinktlos” hallte es aus allen Richtungen. Dabei wurde der Truppenbesuch in der Bevölkerung eher positiv wahrgenommen. Gemäß einer Umfrage des ZDF-Politbarometers empfanden fast zwei Drittel der Deutschen die Teilnahme von Frau zu Guttenberg als richtig. Und die Rolle der Medien? Auch diese hielten sich mit Kritik nicht unbedingt zurück. Aber zu einer medialen Inszenierung gehören – wie der Begriff schon suggeriert – vor allem auch jene Medien. Erst die ausführliche Berichterstattung in TV, Printpresse und Internet hat überhaupt erst dazu geführt, dass die Visite von einer Mehrheit zur Kenntnis genommen wurde. Auch dass Johannes B. Kerner zur deutschen “Delegation” gehörte und vor Ort eine Ausgabe seiner Talkshow aufzeichnen ließ, wurde kritisiert. Dass auf Auslandsbesuchen hochrangiger Politiker von Vertretern der Medienzunft begleitet werden, ist jedoch ein Normalfall und keine Erfindung der zu Guttenbergs. Ob im Zuge dessen nun ein Interview in einer Tageszeitung erscheint oder eine Fernsehkamera dieses festhält, ist nicht mehr, als ein Unterschied im Detail.

“Von” und “zu” ist ein Teil des Nachnamens – mehr nicht

Ach ja, was das alles mit Adelstiteln, Aristokratie und vordemokratischen Strukturen zu tun hat? Rein gar nichts! Eine Person wie zu Guttenberg tut der gesamten politischen Elite gut, da er das angeschlagene Image von Politikern und Parteien aufpolieren könnte. Es ist seine Art und sein öffentliches Auftreten, dass seine Wahrnehmung von Außen bestimmt. Die Vorrechte des Adels wurden vor fast 90 Jahren abgeschafft. Titel wie “von” oder “zu” sind als Überbleibsel einer Jahrhunderte alten Tradition verblieben und heutzutage Bestandteil des Nachnamens. Eine Diskussion über die Streichung ist so überflüssig, wie ein Kropf!

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