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“Der Islam gehört auch zu Deutschland.” Wer hätte gedacht, dass ein einziger Satz die Gemüter derart erhitzen könnte. Gefallen ist er während der Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum Gedenken an den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Millionen von Muslimen leben bereits in friedlichem Miteinander mit Christen sowie Anders- und Nichtgläubigen in unserem Land. Warum deshalb die Aufregung? <!–65143789–>

Diese erklärt sich nicht inhaltlich sondern aus einer Begrifflichkeit heraus. Nicht die Tatsache, dass Anhänger muslimischen Glaubens in Deutschland millionenfach leben, sondern die explizite Nennung des “Islam” als Teil unserer Gesellschaft führt zu Unmut und Irritationen. Ebenso wie das Christentum oder das Judentum ist der Islam zwar in erster Hinsicht eine Religion. Die gesellschaftliche Wahrnehmung über deren Gestalt und Ausprägung ist jedoch zwiegespalten. Auf der einen Seite leben in Deutschland und anderen Ländern der sogenannten westlichen Welt Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die den Islam in friedlicher Weise leben und praktizieren. Einige von ihnen sind unsere Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen oder erfolgreiche Geschäftsleute. Manche sind nicht einmal besonders gläubig. Kaum jemand nimmt es bewusst zur Kenntnis oder denkt darüber nach, dass dieser Mensch ein Moslem ist. Zu selbstverständlich ist das Miteinander geworden – glücklicherweise. Ähnliches gilt für Abermillionen von Menschen in vielen Ländern Asiens und Afrikas, in denen Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Hierbei handelt es sich nicht um Allahs Armee, die darauf wartet, die Welt zu unterjochen. Sie besitzen einfach nur einen anderen Glauben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Schattenseite dieser Religion. Im Namen des Islams werden unmenschliche Verbrechen verübt, von denen die Anschläge vom 11. September 2001 nur ein Beispiel sind. Dass man damit dem Islam als Ganzes Unrecht tut, ist richtig. Aber der Mensch unterscheidet oftmals nicht. Teilweise kann man ihm dies noch nicht einmal vorwerfen. Wer tagtäglich von neuerlichen Anschlägen im Irak oder in Afghanistan hört, der glaubt zu wissen, was es mit dem Islam auf sich hat. Das ist gefährlich aber auch eben nicht von jetzt auf gleich auszublenden. Vielerorts werden mit dem Islam somit keine positiven Assoziationen geweckt. Er steht für viele Menschen neben dem Terrorismus auch noch für autoritäre Regime in aller Welt. Der Iran wird von einem “Verrückten” regiert, dessen Politik sein Land in aller Welt isoliert. In Pakistan regt sich mehr als nur Widerstand, gegen den pro-amerikanischen Kurs der letzten Jahre. Die Pseudo-Demokratien in Afghanistan und dem Irak sind in keinster Weise gefestigt. Sobald die ausländischen Soldaten dort abgezogen sind, droht der Rückfall in alte Zeiten.

Verwendet Christian Wulff nun das Wort “Islam”, so weckt er damit auch die negativen Emotionen. Dabei hätte er dieses heiße Eisen ganz einfach umschiffen können, in dem er die religiöse Betonung weggelassen hätte. Eine Aussage, wie “(…) die in Deutschland lebenden Ausländer und Bürger mit Migrationshintergrund sind ein Teil unserer Gesellschaft (…)” wäre wohl kaum derart kontrovers – wenn überhaupt – diskutiert worden. Der Mensch sollte im Vordergrund stehen und nicht die praktizierte – in diesem Fall auch schwierige – Religion. So hat er nun ohne Not eine Debatte losgetreten, die angesichts des “Fall Sarrazin” überflüssig ist, wie ein Kropf. Haben wir nicht vor wenigen Wochen noch darüber diskutiert, wie hoch der Nachholbedarf an Integration sei? Wulff erweckt mit seinen Äußerungen bei vielen Menschen den Eindruck, dass dies bereits geschehen sei.

Fazit

Die Rede des Bundespräsidenten mögen viele missverstanden haben. Das ist aber zu einem Teil seine eigene Schuld. Seine Ausführungen lassen nun einmal Spielraum für Interpretationen zu. Möglicherweise werden wir uns in 10 oder 20 Jahren darüber amüsieren, dass wir uns über eine derartige Begrifflichkeit aufgeregt haben. “Einwanderungsland” oder “Leitkultur” hatten auch einen “schwierigen Start”. Trotzdem ist es verfrüht, den Islam offen und explizit als Teil unserer Gesellschaft zu bezeichnen. Der Vorwurf der Kritiker ist berechtigt, dass man Terrorismus nicht mit dem Islam gleichsetzen kann. Dass extremistische Kräfte diese Religion für ihre eigenen menschenverachtenden Zwecke missbrauchen, ist aber ebenso korrekt. Man sollte den Menschen einfach etwas Zeit geben, den wahren und zugleich friedlichen Islam zu verstehen.

Dieser Artikel wurde auf Policywatch veröffentlicht.