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Mit großer Spannung wurde die Rede von Christian Wulff zum 3. Oktober erwartet. Würde er ähnlich scharf Kritik üben und mit erhobenem Zeigefinger mahnen, wie es sein einstiger Widersacher Joachim Gauck um das höchste deutsche Staatsamt am Tag zuvor tat? Dass das Thema Integration in Wulffs Rede vorkommen sollte, war im Grunde genommen allen Beobachtern klar. Aber in welche Richtung und mit welcher Intensität würde er sich äußern? Alle lauschten gespannt und dann erhitzte ein einziger Satz die Gemüter:

„Der Islam gehört auch zu Deutschland“.

Seitdem herrscht im konservativen politischen Lager Aufruhr. Der Angst-Beauftragte der Union, Wolfgang Bosbach, hat nicht lange mit seiner Kritik hinter dem Berg gehalten. Die BILD-Zeitung erhitzte die Stammtische in ihrer Ausgabe zusätzlich mit der Schlagzeile „Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?“. Wir sind schließlich Papst und gehen alle, wie es sich gehört, zum sonntäglichen Gottesdienst. Seit dem 11.09.2001 wissen wir, wie böse die Islamisten sind. Und die Schweizer hatten schon Recht, dass sie den Bau weiterer Moscheen verboten hatten. Und Thilo Sarrazin hat sowieso Recht.

Okay – genug der Polemik. Aber es zeigt sich in der öffentlichen Debatte, dass die Akzeptanz und vor allem die Toleranz gegenüber fremden Glaubensrichtungen vielen Menschen respektive Christen immer noch fehlt. Und dass ein latentes Unbehagen herrscht, die Moscheen könnten in absehbarer Zeit die großen Kathedralen überstrahlen.

Noch einmal zurück zu der Kritik von Wolfgang Bosbach. Er sagte wörtlich: „Zwar ist der Islam inzwischen Lebenswirklichkeit in Deutschland, aber zu uns gehört die christlich-jüdische Tradition“. Im Grunde genommen hatte Wulff nichts anderes gesagt. Aber Hauptsache, das konservative Gewissen gibt wieder mal ein Lebenszeichen ab.

Es gibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt knapp 4 Millionen Muslime in Deutschland und es werden in den nächsten Jahren/Jahrzehnten tendenziell eher mehr werden. Wir müssen endlich lernen, den Islam in unserer Gesellschaft zu respektieren und die Vorurteile Stück für Stück abzubauen. Hierzu würde ich z.B. vorschlagen, dass jede Schulklasse einmal eine Moschee besucht, auch um die Religion etwas besser zu verstehen. Auch den Erwachsenen sollte das durchaus eine Überlegung wert sein. Gleichwohl gibt es natürlich große Defizite einiger Moslems, die den Glauben an Allah über das Grundgesetz stellen. Dies geht natürlich nicht in Ordnung. Genauso wenig wie es in Ordnung ist, dass sich Geistliche im Namen der katholischen Kirche tausendfach an jungen Ministranten und Chorknaben vergehen. Mit beidem muss man sich ohne Rücksicht auf Tabus intensiv und offen auseinandersetzen.

Die Anzahl der Kirchgänger sinkt rapide, was u.a. auch zur Schließung etlicher Gotteshäuser führte. Ebenso treten dramatisch viele Menschen aus der Kirche aus. Sei es aus finanziellen Gründen oder weil sie sich in ihrer Kirche nicht mehr aufgehoben fühlen. Trotzdem dulden wir anscheinend keine andere größere Religion neben uns, obwohl wir uns immer weniger für unsere eigene interessieren und die christlichen Werte immer mehr an Bedeutung verlieren. Sicher auch deswegen, weil diese in den Schulen und Elternhäusern immer weniger vermittelt werden.

Alle jubelten wir Mesut Özil bei der WM zu. Alle sahen wir ihn als einen von uns. Aber wir können nicht auf seine Genialität als Fußballer stolz sein und gleichzeitig seine Glaubensgesinnung kritisch sehen. Das tun nämlich diejenigen, die den Islam als Religion in Deutschland abgrenzen möchten. Auch wenn sie in diesem Moment wahrscheinlich nicht an Özil denken.

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