Bild DDR-Flagge

So manch einer hat sich seit 1989 vielleicht schon einmal gefragt, wieviel persöhnliche Verantwortung er selbst für die 40 Jahre währende Existenz der DDR trägt. Dieser Artikel soll dazu einen Denkanstoß anhand meiner eigenen Erfahrungen in der DDR geben.

Zunächst sollte man sich klar machen, was ein totalitärer Staat ist. Selbst hier könnte es ja in Bezug auf die DDR eventuell Widerspruch geben. Wikipedia sagt dazu – Zitat:

>>Totalitarismus bezeichnet in der Politikwissenschaft eine diktatorische Form von Herrschaft, die, im Unterschied zu einer autoritären Diktatur, in alle sozialen Verhältnisse hinein zu wirken strebt, oft verbunden mit dem Anspruch, einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen. Während eine autoritäre Diktatur den Status quo aufrechtzuerhalten sucht, fordert eine totalitäre Diktatur von den Beherrschten eine äußerst aktive Beteiligung am Staatsleben sowie dessen Weiterentwicklung in eine Richtung, die durch die jeweilige Ideologie angewiesen wird.

Typisch sind somit die dauerhafte Mobilisierung in Massenorganisationen und die Ausgrenzung bis hin zur Tötung derer, die sich den totalen Herrschaftsansprüchen tatsächlich oder möglicherweise widersetzen.<<
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Totalitarismus

In dieser Definition erkenne ich die Verhältnisse in der DDR ganz klar wieder. Genau so war die DDR.

Bei der Frage nach der Verantwortung – nicht gleichzusetzen mit „Schuld“ im strafrechtlichen Sinne – für die Aufrechterhaltung eines totalitären Staates habe ich die Arbeitsthese aufgestellt:

Eine Diktatur kann nur funktionieren, wenn genug Leute aktiv mitwirken.

Natürlich muss sich dabei jeder einzelne fragen, inwieweit er selbst daran aktiv mitgewirkt hat. Es wirft also die Frage auf:
Wie habe ich mich in diesem Staat verhalten? (Als 1989 „die Wende“ kam, war ich 22 Jahre alt – somit kann ich also einiges berichten.)

Bis zum Ende der Lehre habe ich mich im Wesentlichen daran gehalten, was mir meine Eltern immer gesagt haben. Sie meinten immer: „Mach nur alles mit, was die wollen und sag in der Schule nur das, was die hören wollen und nicht, was wir uns hier zu Hause erzählen (Anm.: das war ein krasser Unterschied), denn der Standartspruch war immer: „Wir wollen keinen Ärger.“

Meine Eltern hatten eine große Angst vor dem Staat (auch vor den Staatsorganen, wie z.  B. Polizei) und  so hielt ich mich weitgehend daran.
So war ich also Jung- und Thälmannpionier (1.-7. Klasse) und ab der 8. Klasse auch in der FDJ. Allerdings tat ich dies, ohne irgendeine Begeisterung dafür zu entwickeln und so stand in meinen Beurteilungen auf dem Schulzeugnis immer (ich hab das mal herausgesucht):
Klasse 3 – Zitat: „Gilbert sollte sich auch aktiver am Pionierleben beteiligen.“
Klasse 4 – Zitat: „Die Pionierveranstaltungen besuchte Gilbert, doch entwickelte er zu wenig eigene Aktivität dabei.“
Klasse 8 (hier bereits in der FDJ) – Zitat: „Er nahm an FDJ-Veranstaltungen teil, trat aber auch hier kaum in Erscheinung.“
Klasse 10 – Zitat: >>Im FDJ-Studienjahr, das er mit dem „Abzeichen für gutes Wissen“ in Bronze abschloß, zeigten sich seine geschichtlichen Kenntnisse.<<
Das ist interessant: Ein „Abzeichen für gutes Wissen“ 3. Klasse.
Hintergrund war eine zusätzliche Prüfung im Zuge der Abschussprüfungen der 10. Klasse, an der ebenfalls alle FDJler teilnehmen mussten. Wie erwähnt, gab es dafür aber keine Zensur, sondern ein Abzeichen und eine Urkunde in 3 verschiedenen Klassen – je nachdem, wie der „Jury“ die gegebenen Antworten zu Fragen über historische und politische Themen gefallen haben. Das Abzeichen nur in Bronze bekam ich deswegen, weil ich auf die Frage, wer denn der Verbündete Arbeiterklasse in der BRD sei, ich die DKP und (Achtung jetzt kommt´s) auch die Grünen nannte. Als ich daraufhin einige teils erschrockenen, teils gequälten Gesichter einiger Leute der „Jury“ sah, meinte ich noch schnell: na ja, hauptsächlich aber die DKP. Die Direktorin (besonders „rot“ und stieg auch in den Schulrat auf) konnte sich eine Bemerkung mit gerümpfter Nase dennoch nicht verkneifen und meinte so, die Grünen, na die ja wohl eher nicht (oder so ähnlich). Deswegen das Abzeichen nur „in Bronze“.
Ob dies schon eine kleine und vorsichtige Form der „Rebellion“ war, weiß ich heute nicht mehr, aber ich wusste natürlich, dass „die Grünen“ wohl kaum die Antwort sein konnte, die die Jury  hören wollte.

Im Abschlusszeugnis der 10. Klasse ebenfalls positiv erwähnt wurde:
„Gilbert zeichnete sich durch eine aktive Mitarbeit in der GST aus.“
Die GST („Gesellschaft für Sport und Technik“) war eine Sportgemeinschaft mit mehreren Sektionen, wie z. B. Sportschießen, Tauchen und Funken. Ich war insgesamt 8 Jahre lang im Sportschießen (1980-1988) und dies sogar mit Begeisterung. Hier machte ich zusätzlich auch einen Übungsleiterkurs mit und war in den letzten 2 Jahren nicht nur Sportschütze, sondern trainierte darüber hinaus auch eine Übungsgruppe, die auch durchaus erfolgreich an Wettkämpfen teilnahm. Mein Ausscheiden 1988 hatte keine politischen sondern persönliche Gründe – die Begeisterung ließ nach.
Obwohl eigentlich alles in der DDR politisiert wurde, sah ich selbst diese Tätigkeit ausschließlich als Sport.

Also kann man zusammengefasst sagen: Größtenteils hielt ich die Richtlinie meiner Eltern ein und „machte alles mit“, was unbedingt notwendig war, damit es „keinen Ärger“ gab,  ohne mich dabei besonders hervorzutun.
Nur einmal, zu Beginn der Lehre fing ich bereits an, zu rebellieren, da man neben den Organisationen, wo man drin sein sollte, noch mehrere weitere, sozusagen als „Pflichtübung“, dazu kamen. Das hieß neben der FDJ („Freie Deutsche Jugend“), nun auch noch der FDGB („Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ – das sah ich ja noch ein) und dann auch noch die DSF („Deutsch-Sowjetische Freundschaft“). Bei der letzteren ging mir der „Hut hoch“ und wollte den Eintritt verweigern. Daraufhin brach eine Diskussion auf mich ein, die ich mir so nicht hätte träumen lassen. Nicht nur der Lehrmeister und die FDJ-Sekretärin redeten auf mich ein und stellten mir auch die Frage, ob ich denn etwas „gegen dieses Volk“ hätte (worauf ich antwortete, nein, aber man muss das doch nicht unbedingt dadurch demonstrieren, in dem man in die DSF eintritt), sondern auch meine Eltern kamen wieder mit ihrem Satz: „Mach bloß keinen Blödsinn, mach das solange mit, bis du aus der Lehre raus bist, wir wollen keinen Ärger!“ Sie meinten dann  noch, ich könne damit aufhören, alles mitzumachen, wenn ich aus der Lehre raus sei.
Nach 3 Tagen gab ich meinen „Widerstand“ auf und trat auch in die DSF ein.
Nach der Lehre (1987) trat ich dann tatsächlich aus der FDJ aus, ulkiger weise aber nicht aus der DSF, weil die Beiträge aller Kollegen dafür aus der Brigadekasse bezahlt wurden und es bei der Jahresendprämie (13. Monatsgehalt/-lohn) nur für die Mitgliedschaft in der DSF 10,- M mehr gab. So waren alle Kollegen in meiner Brigade in der DSF. Auch ich blieb dann noch bis Ende 1989 drin.

Nach der Lehre änderte sich mein Verhalten in bestimmten Dingen endgültig:
1.) Wie bereits erwähnt, trat ich nach der Lehre sofort auch aus der FDJ aus und bezahlte keine Beiträge mehr. Mich fragte aber auch niemand mehr danach. Das Thema FDJ hatte sich damit erledigt.
Aber was den Vorgesetzten im Betrieb nun wieder besonders wichtig zu sein schien, war eine Mitgliedschaft in der SED. So wurde ich während der Arbeitszeit von meinem Arbeitsplatz ins Büro gerufen (es war auch keine Pause), wo ich dann von drei Leuten befragt wurde, ob ich Interesse hätte, in die SED einzutreten. Ich lehnte ab und als ich nach einer Bitte, dies noch einmal zu Bedenken, beim „nein“ blieb, konnte ich wieder gehen. Dabei war ich noch froh, dass nicht noch jemand fragte, warum denn nicht, denn dann wäre ich in wirkliche Erklärungsnot geraten. Ich weiß auch noch genau, wer diese Drei waren: der Parteisekretär, mein Arbeitsvorbereiter und der Abteilungsleiter – also auch zwei direkte Vorgesetzte.
Einige Zeit später fragte mich allerdings der Parteisekretär in der Werkstatt unter zwei Augen doch noch, warum ich denn nicht wollte und da sagte ich ihm dann noch ganz klar, dass ich mich zwar für Politik interessieren würde, aber bevor ich anfangen würde, mich politisch zu engagieren, müsste sich erst einmal einiges ändern. Damit war das Thema erledigt und ich wurde auch nie wieder gefragt. Genau das wollte ich damit auch erreichen.
Übrigens machte ich das auch genau so, wie ich gesagt hatte: Im Februar 1990, als sich schon „einiges geändert hatte“, trat ich in eine Partei ein – in den „Demokratischen Aufbruch“ – nicht etwa in die SED (inzwischen hatte sie sich in PDS umbenannt).

2.) Bei der Musterung zur NVA („Nationale Volksarmee“ – die reguläre Armee der DDR) wurde ich neben der wohl in jeder Armee üblichen Prozedur (Auswahl der Waffengattung, Gesundheitsuntersuchungen usw.) auch gefragt, ob ich denn ein Problem darin sehen würde, auch an der Grenze eingesetzt zu werden.
Hier schrillten bei mir sofort sämtliche „Alarmglocken“ und ich meinte fast ohne zu überlegen, dass ich nicht auf Menschen schießen würde. Ich muss gestehen, dass mir in dieser Situation fast das Herz zum Hals herausspringen wollte, aber ich hatte es gesagt. Der Herr in Uniform verzog kurz die Miene und meinte dann:
„Ach wissen Sie, das mit dem Schießen, das wird nur im äußersten Notfall gemacht.“
Zur Sicherheit gab ich auch an, dass ich Verwandte in Westen hatte und gab meinen Onkel an. Hierzu muss man sagen, dass ich wusste, dass man nicht an die Grenze kam, wenn man angab, dass man Westverwandtschaft hatte.
Ich ging hier also auf „Nummer Sicher“.

3.) Auch der an anderer Stelle bereits dokumentierte Protestbrief vom Oktober 1989 sei hier noch kurz erwähnt.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich immer dann anfing mich zu verweigern, wo ich eine selbst gesetzte (meist moralische) Grenze hätte überschreiten müssen. Dazu gehörte für mich bereits die einfache Mitgliedschaft in der SED (oder auch einer Blockpartei) und erst recht ein Einsatz an der Grenze als Soldat, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte.
Überhaupt muss jeder für sich selbst entscheiden, wieviel individuelle Verantwortung er selbst für das Funktionieren der SED-Diktatur trägt – so er dazu überhaupt bereit ist.
Eine besonders hohe Verantwortung tragen für mich z. B. alle sogenannten „Schreibtischtäter“, die direkt über Wohl oder Wehe von politisch in Ungnade gefallenen Bürgern zu entscheiden hatten, Mauerschützen und Stasi-Spitzel. Sie tragen eine erstrangige Verantwortung und möglicherweise sogar strafrechtliche Schuld sowohl für den Fortbestand, als auch für die Verbrechen des SED-Regimes.

Zur Frage: Wie ist das mit den Blockparteien?
Welche Verantwortung tragen die?

Die Verantwortung der SED scheint klar zu sein. Sie war die machthabende Partei und damit direkt verantwortlich für den Bestand der DDR.

Und die Blockparteien?
Schon der Volksmund unterschied zwischen „der Partei“ – dabei war immer und ausschließlich die SED gemeint – und den übrigen 4 Blockparteien, die zwar auch bekannt waren, aber eben nichts zu sagen hatten. Das war im Grunde jedem klar. Im Einzelnen waren das die:

CDU (Ost),
LDPD (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands),
NDPD (National-Demokratische Partei Deutschlands) und die
DBD (Demokratische Bauernpartei Deutschlands).

Die vier Blockparteien waren von der SED gleichgeschaltete Parteien. Aber diese Gleichschaltung war insbesondere für die älteren Blockparteien – CDU und LDPD (beide 1945 gegründet, während NDPD und DBD erst 1948 gegründet wurden und von Anfang an gleichgeschaltet waren) – ein schmerzhafter Prozess. Denn während dieses Prozesses kam es zu zahlreichen Verhaftungen von Mitgliedern, auch zu Todesurteilen, Leute verschwanden einfach und einigen gelang die Flucht in den Westen. Bis Anfang der ´50er Jahre war dieser „Säuberungsprozess“ bei den Blockparteien abgeschlossen.
Klar ist aber auch: Hätten sich die Parteien der Gleichschaltung widersetzt und sich gegen die SED gestellt, wären sie verboten worden. Es gab keine legale Opposition in der DDR. Mitglieder der Blockparteien waren auf allen Ebenen in der DDR vertreten – von der Volkskammer bis hinunter zum Rat der Stadt bzw. Gemeinderat und waren damit natürlich auch staatstragend. Sie hatten vor allem die Funktion, möglichst alle Schichten der Bevölkerung in das System des real-existierenden Sozialismus einzubeziehen und diese zu indoktrinieren.
Andererseits hatten die Blockparteien für Teile der Bevölkerung durchaus eine wichtige Funktion, um sich gegen die SED zu wehren. Wie ich bereits im vorherigen Abschnitt  unter 1. geschildert habe, wurde versucht, Bürger für die SED anzuwerben. Dies war nicht nur in meinem Betrieb so, sondern war offenbar DDR-weite Praxis. Ich lernte auch jemanden aus „Karl-Marx-Stadt“ (heute Chemnitz) kennen und sie erzählte mir eine ganz ähnliche Geschichte, nur dass sie sich derart unter Druck gesetzt fühlte, dass sie schließlich einwilligte und in die SED eintrat. Aus der Art, wie sie davon erzählte, schoss ich jedoch, dass sie nicht wirklich vom Sozialismus überzeugt war.
Später habe ich aber auch von Fällen gehört, wo Leute ebenfalls so bedrängt wurden, nur traten sie aus Protest schnell in die CDU ein und wurden dann vom SED-Parteisekretär in Ruhe gelassen. Dies war durchaus eine legale Möglichkeit, sich gegen die SED zu wehren.

Insgesamt würde ich die Blockparteien bei meinem derzeitigen Wissensstand zwar nicht als Haupttäter bzw. Hauptverantwortliche für den Fortbestand der SED betrachten, wohl aber als Mitläufer.

Aber selbst die SED bestand meines Erachtens überwiegend aus Mitläufern. Schaut man sich die Mitgliederzahlen der SED an, dann stellt man fest, dass von den 2,3 Mill. Mitglieder der SED im Jahre 1989 im Jahre 1990 nur noch 285.000 Mitglieder übrig geblieben waren, die man tatsächlich als wirklich von der Ideologie „Überzeugte“ bezeichnen kann. Die übrigen sind entweder nur Mitglied geworden, weil sie sich bessere Karrierechancen ausrechneten oder sich dem beschriebenen „Druck“ nicht zu erwehren wussten – also überwiegend ebenfalls Mitläufer. Als solche würde ich auch hochrangige Sportler oder auch populäre Künstler u. ä. betrachten, die ebenfalls vor allem ihre Karriere im Auge hatten. Eine Verweigerung hätte jegliche Karrierechancen unmöglich gemacht. Für den Fortbestand des Regimes hatten sie in meinen Augen aber eher eine geringe Bedeutung, sofern sie nichts weiteres getan haben – wie z. B. eine höhere Partei- oder Staatsfunktion oder Tätigkeit für die Stasi.

Fazit:

Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was er getan hat, um das Regime zu unterstützen oder eben nicht.
Auch ich war sicher kein Held in der DDR – ich würde mich auch selbst nicht als solcher bezeichnen, aber hätte sich jeder so verhalten wie ich, also: sich jeglicher Parteimitgliedschaft verweigern, schon bei der Musterung sagen, dass er nicht auf Menschen schießt, um auf jeden Fall einen Einsatz an der Grenze zu vermeiden u.s.w. u.s.f. – selbst solche kleinen Dinge, hätten bewirkt, dass das SED-Regime nicht hätte funktionieren können.