Adam Smith - der Begründer der ÖkonomieIm 18. und 19. Jahrhundert setzten sich immer mehr die Naturwissenschaften durch. Wo man auch hinsah, in der Natur gab es kein Chaos, sondern Gesetzmäßigkeiten, in der Chemie, der Physik, der Astronomie, der Biologie. Vor allem die Evolutionstheorie von Darwin und schon vorher die Lehren von Newton beeinflussten das Denken der Wissenschaften. Dies war die Geburtsstunde der nomothetischen Wissenschaften. Die nomothethischen Wissenschaften (Nomos = Gesetz) versuchen, einen speziellen Fall nur als Ausdruck allgemeiner Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Diese Gesetzmäßigkeiten gilt es herauszufinden und zu formulieren. Wenn in der Natur Gesetzmäßigkeiten herrschen, dann sollte es diese auch in der Gesellschaft und ebenfalls in der Geschichte geben. Die theoretische Nationalökonomie versuchte, sie herauszufinden und entdeckte die Gesetze des Marktes. Diese wirken angeblich wie Naturgesetze und determinieren die Geschichtsabläufe.

Die Vertreter der theoretischen Nationalökonomie wie Adam Smith, David Ricardo, Vilfredo Pareto und Alfred Marshall beschäftigten sich vor allem mit dem Problem der Arbeitsteilung, der immer weitergehenden Differenzierung der Produktion und den Mechanismen, die den Zusammenhalt dieser zersplitterten Produzenten ermöglichen. Dieser wird garantiert durch Tauschprozesse, durch den Markt mit seinen Gesetzmäßigkeiten, welche die Verteilung von Kapital, Lohn und anderen Einkommen regeln. Sie untersuchten die Abläufe von Produktion, Distribution und Konsumtion. Obwohl sich die Gesellschaft in lauter Monaden aufgelöst hatte, wie dies Leibnitz einst so schön formuliert hat, werden die zerstreuten Individuen innerhalb der Produktionsgemeinschaft eines Betriebes und außerhalb davon durch Warenaustausch, beziehungsweise durch monetäre Transaktionen weiter und immer enger mit einander verbunden. Die fortschreitende Individualisierung ist also gekoppelt mit einer gleichzeitigen Integration durch den Markt. Diesen und die ihm immanenten Bewegungsgesetze galt es zu erforschen. Da die nun entwickelten Begrifflichkeiten wie Geld, Kapital, Grundeigentum, Angebot, Nachfrage usw. historisch-genetisch abgeleitet werden, schien die Nationalökonomie geeignet zu sein, historische Prozesse auf Regelmäßigkeiten zu untersuchen, in dem man die entdeckten Gesetze des Marktes und ihre Wirkung in der Vergangenheit erforschte, denn diese Tauschprozesse wurden als eine Art Naturgeschehen aufgefasst. Vorgänge in der Vergangenheit ließen sich nun als Emanationen des Marktgeschehens deuten und blieben deshalb keine unerklärlichen oder zufällige Singularitäten. Kennt man seine Gesetzmäßigkeiten, so sind historische Prozesse als Regelmäßigkeiten zu identifizieren und auch Prognosen für die Zukunft möglich. Die früheren Lebenszusammenhänge, Sippen, Stämme, Großfamilien, feudale Fronhöfe, Zünfte usw., alle persönlichen, patriarchalische Abhängigkeiten, Sklaverei, Leibeigenschaft usw. werden sukzessive durch Marktbeziehungen aufgelöst und durch sie ersetzt.

Sehen wir uns als Beispiel die Theorie von Adam Smith an, die dieser in seinem Buch „Untersuchung über Wesen und Ursachen des Wohlstandes der Nationen“ (1776) näher erläutert, das bahnbrechende Werk über die Nationalökonomie, da hier erstmalig die gesamte Volkswirtschaft analysiert wird mit all ihren Teilaspekten. Drei Gründe nennt Smith für die Ursachen des Wohlstandes und auch bestimmend für die Abläufe in der Geschichte:

 

Arbeitsteilung, Bevölkerungswachstum und Produktivitätserhöhung.

Gleich im ersten und berühmtesten Kapitel seines Buches beschreibt Smith die Arbeitsteilung in einer Stecknadelfabrik. Wenn sich jeder Arbeiter auf einen bestimmten Arbeitsvorgang spezialisiert, erhöht sich die Produktivität der Gesamtarbeit in der Fabrik. Diesen Gedanken überträgt er nun auf die Gesellschaft. Auch diese sollte arbeitsteilig organisiert sein, jeder macht das, was er am besten kann. Je mehr Menschen es gibt, desto größer die Arbeitsteilung und die Spezialisierung, Bevölkerungsvermehrung ist also ein Segen, kein Fluch. Die durch die Teilung der Arbeit erwirkte Produktivitätssteigerung ermöglicht nun auch die Ernährung von mehr Menschen und zugleich wächst dadurch auch die Nachfrage, also der Absatzmarkt:

„wie die reichliche Entlohnung der Arbeit die Fortpflanzung anregt, so spornt sie sie auch den Fleiß des gemeinen Mannes an…Reichlicher Unterhalt stärkt die Körperkräfte des Arbeiters, und die wohltuende Hoffnung, seine Lage verbessern und seine Tage vielleicht in Behagen und Fülle beschließen zu können, treibt ihn an, jene Kräfte aufs Äußerste anzustrengen“. (Smith, 1962, S.105)

Wie entsteht nun aber eine solche Gesellschaft? Smith glaubt, dass es eine Entwicklung gegeben hat vom Jäger zum Hirten, dann zum Ackerbau und schließlich zur Entstehung von Handel und Gewerbe. Wie soll man sich dies vorstellen?
„Diese Arbeitsteilung, aus welcher so viele Vorteile sich ergeben, ist nicht ursprünglich das Werk menschlicher Weisheit…Sie ist die notwendige, wie wohl sehr langsame und allmähliche Folge eines gewissen Hanges der menschlichen Natur, der keinen solch ausgiebigen Nutzen erstrebt, des Hanges zu tauschen, zu handeln und eine Sache gegen eine andere auszutauschen.. er ist allen Menschen gemein und findet sich bei keiner Art von Tieren… „(Smith, 1962,S.17)

Dieser Hang „zu tauschen, zu handeln….“ ist also bei Smith eine anthropologische Konstante, gewissermaßen genetisch angelegt.

Ursprünglich haben die Menschen alles, was sie brauchten, selber erzeugt. Warum tauschen sie jetzt, warum kommt es zur Arbeitsteilung? Smith entwickelt nun seine berühmte Biber-Hirsche Gleichung, die Grundlage seiner Arbeitswertlehre.
„In jenem frühen und rohen Zustande der Gesellschaft, welcher der Kapitalanhäufung und Landeignung vorhergeht, scheint das Verhältnis der zur Beschaffung verschiedener Dinge nötigen Arbeitsquantitäten zueinander der einzige Umstand zu sein, der eine Regel für den Tausch derselben bilden kann. Wenn es z.B. bei einem Jägervolk zweimal soviel Arbeit kostet, einen Biber zu erlegen, als das Erlegen eines Hirsches erfordern würde, so wird natürlich ein Biber zwei Hirsche wert sein, oder dafür in Tausch gehen.“(Smith,1962, S.82)
Smith geht davon aus, das jede Gesellschaft sich auf die Produkte spezialisiert, die sie am schnellsten und effektivsten erzeugen kann, da, wo sie absolute „Kostenvorteile“ besitzt und die Produkte, die sie selber zu ineffektiv produziert, dagegen im Tausch zu erwerben. Gelegenheit zum Austausch entsteht auch dann, wenn Gesellschaften über unterschiedliche Ressourcen verfügen. Tatsächlich zeigen heutige Untersuchungen, das sich schon in einem frühen Zustand der Menschheit eine Arbeitsteilung zwischen Gemeinschaften herausbildete, die zu einer Erhöhung der Gesamtproduktivität führte und eine Bevölkerungsvermehrung begünstigte.

Der Anthropologe Diamond vertritt in seinem Buch „Arm und Reich“ die These, dass Gesellschaften sich nicht entwickeln, wenn sowohl die natürliche Ressourcenausstattung ungünstig ist und sie auch keinen Handel betreiben. Beides kann sich natürlich gegenseitig bedingen. Klinkt man sich aber in ein bestehendes Handelsnetz ein und versucht eine Spezialisierung, kann man den Nachteil fehlender Ressourcen ausgleichen. Je intensiver der Handel, je entwickelter die Arbeitsteilung, desto größer die Produktion und der Wohlstand. Handel führt auch zur Verbreitung von Innovationen. Erfindungen verbreiten sich schneller und gehen nicht so ohne weiteres wieder verloren oder bleiben isoliert und verschwinden damit wieder aus dem Gedächtnis der Menschen. Gesellschaften mit komplexer Arbeitsteilung und entwickelten Märkten waren anderen bald überlegen.

Adam Smith Portrait Schwierig wird es für Smith zu erklären, wie sich die moderne Gesellschaft entwickelt hat. Zunächst gehört nämlich das gesamte Produkt dem Erzeuger, dann muss er dieses plötzlich mit anderen teilen:
„In jenem ursprünglichen Zustande der Dinge, der sowohl der Bodenaneignung als auch der Kapitalansammlung vorhergeht, gehört das ganze Arbeitserzeugnis dem Arbeiter. Er hat weder mit einem Grundbesitzer noch mit einem Arbeitgeber zu teilen.“(Smith, 1962, S. 82)
Ziemlich unvermittelt taucht jetzt der Unternehmer auf und der Arbeiter muss nun teilen:
„Es zerfällt folglich der Wert, den die Arbeiter dem Material hinzufügen, in diesem Fall in zwei Teile, von denen der eine den Arbeitslohn bestreitet, der andere den Profit, den der Arbeitgeber für das ganze Kapital an Material und Arbeitslohn, das er vorgestreckt hat, erhalten muss.“ (Smith, 1962, S.61)

Dann erscheint auch noch der Grundeigentümer: „ Sobald der Boden Privateigentum wird, fordert der Grundbesitzer einen Teil von fast allen Erzeugnissen, welche der Arbeiter darauf hervorbringen oder einsammeln kann.“ (Smith, 1962, S.82) Es entsteht die Grundrente. Wie das alles passieren konnte, wird nicht richtig klar.

Wie dem auch sei: Die Gesellschaft entwickelt sich aus einem Urzustand gleichberechtigter Produzenten in drei Klassen, die sich das jährliche Gesamtprodukt nun teilen: Arbeitslohn, Kapitalgewinn, Grundrente. Alle sind durch äquivalente Tauschbeziehungen miteinander verbunden. Jeder bringt seinen Teil ein und bekommt dafür dann seine Entlohnung. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber früheren Gesellschaften. Leibeigene oder Sklaven mussten durch Zwang und ohne Entlohnung zur Arbeit getrieben werden, das Arbeitsergebnis war völlig unzureichend. In der neuen Gesellschaft arbeiten hingegen alle freiwillig für maximalen Gewinn. Das Ergebnis ist viel besser.

 

Smith nennt die neue Gesellschaft: „Das einfache System der natürlichen Freiheit“

„Der Mensch … braucht fortwährend die Hilfe seiner Mitmenschen, und vergeblich erwartet er diese von ihrem Wohlwollen allein. Er wird viel eher seine Ziele erreichen, wenn er ihr Selbstinteresse zu seinen Gunsten lenken und ihnen zeigen kann, dass sie auch ihrem eigenen Vorteil folgen, wenn sie für ihn tun, was er von ihnen haben will. Wer einem anderen ein Geschäft irgendwelcher Art anträgt, verfährt in diesem Sinne. Gib mir, was ich brauche, und du sollst haben, was du brauchst, und das ist der Sinn eines jeden solchen Anerbietens, und auf diese Weise erhalten wir voneinander den bei weitem größten Teil all der Dienste, auf die wir gegenseitig angewiesen sind. Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern von der Rücksichtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe. sondern an ihr Selbstinteresse und sprechen zu ihnen nie von unserem Bedarf, sondern von ihren Vorteilen…

Stets sind alle Menschen darauf bedacht, die für sie vorteilhafteste Anlage ihrer Kapitalien ausfindig zu machen. In der Tat hat jeder dabei nur seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der gesamten Volkswirtschaft im Auge. Aber dieses Erpichtsein auf seinen eigenen Vorteil führt ihn ganz von selbst – oder besser gesagt – notwendigerweise dazu, derjenigen Kapitalanlage den Vorzug zu geben, die zu gleicher Zeit für die Volkswirtschaft als Ganzes am vorteilhaftesten ist.“ (Smith 1962, S.172)

In dieser Gesellschaft ist jeder Egoist, kann es aber nur sein, wenn er auch der Gesamtgesellschaft einen Nutzen erweist.

Für Adam Smith ist die Geschichte jetzt zu Ende. Er hält sie an, die Marktwirtschaft ist das Endziel der menschlichen Gesellschaft. Über verschiedene Zwischenstufen ist sie dort hingekommen. Der Markt ist wie eine Art Naturgesetz. Dieses Naturgesetz hat sich letztlich durchgesetzt. Die Nationalökonomie ist eine nomothethische Wissenschaft, sie geht davon aus, dass es Gesetze gibt in der Geschichte, nämlich die Gesetze des Marktes. Alle früheren Gesellschaften waren nur Zwischenstufen, unvollkommene Vorläufer der entwickelten Marktwirtschaft der Gegenwart, auf den sich die Geschichte zubewegt. In ihr ist die menschliche Freiheit verwirklicht und die höchste Produktivität erreicht. Sie ist somit kein Zufallsprodukt, sie entwickelt sich zwangsläufig durch Arbeitsteilung, Bevölkerungsvermehrung und Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Gesellschaften, die solchen Prozess nicht durchlaufen oder nachvollziehen können, gehen unter. Oder, Darwin würde sagen, es sind Variationen, die von der Selektion wieder beseitigt werden, weil sie nicht optimal angepasst sind. Wie in der Biologie die Gesetze der Evolution entscheiden, was sich durchsetzt und was nicht, so ist es in der Geschichte der Markt. Geschichte ist kein Zufallsprodukt, in ihr entscheiden Gesetze, Marktgesetze.

Wir haben nun gesehen: Am Anfang sind es zwei Jägerstämme, die ihre Produkte austauschen, die erste Form des Marktes. Dann entwickelt dieser sich immer weiter, alte Abhängigkeiten aus der Feudalzeit lösen sich auf, es beginnt die Individualisierung, das Endergebnis ist ein von allen persönlichen Zwängen befreiter Privateigentümer, der freie Bürger, das Ende der Geschichte.

Später verzichtete die theoretische Nationalökonomie auf Geschichtserklärungen, da sie sich in die Sandkastenspiele der Grenznutzentheorie flüchtete und in der Folgezeit begann, immer kompliziertere, mathematische Modelle zu entwickeln, die aber keinerlei historische Bezüge mehr aufwiesen. Eine Ausnahme bildete in Deutschland die „Historische Schule“ von Gustav Schmoller und seinem Schüler Werner Sombart Ende des 19. Jahrhunderts, die sogenannten „Kathedersozialisten“ , die erheblichen Einfluss nahmen auf die Sozialpolitik von Bismarck und dessen Nachfolgern. Ihnen verdanken wir zahlreiche empirische Studien über Wirtschaftsgeschichte. Die Stufenmodelle wirtschaftlicher Entwicklungen, wie sie Sombart konzipierte, konnten sich aber nicht durchsetzen.
Adam Smith, Untersuchung über Wesen und Ursachen des Wohlstandes der Nationen, Frankfurt 1962 – Der Autor auf Geschichte-Wissen