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Heiner Geißler soll es nun im Rahmen eines Schlichtungsverfahrens richten. Wie genau ein Kompromiss zwischen S21 und der Kopfbahnhofvariante K21 aussehen könnte, ist jedoch fraglich. Es gibt keinen echten Mittelweg, wie er beispielsweise bei Tarifverhandlungen möglich ist. Dort stehen sich Arbeitgeber und Gewerkschaften mit ihren jeweiligen Forderungen gegenüber. Am Ende einigt man sich meist auf irgendeinen Wert in der Mitte. Stuttgart21 ist jedoch komplexer. Es gibt prinzipiell nur die Entscheidung ja oder nein. Ein Mix mit einigen Gleisen, die eine Durchfahrt erlauben (unterirdisch) und der Beibehaltung eines Teils des Kopfbahnhofes (oberirdisch) ergibt nicht wirklich Sinn. Das Bauvorhaben müsste komplett neu projektiert und geplant werden. Es steht in den Sternen, ob eine solche Variante ökologischer und ökonomischer wäre.

Damit wären wir bei dem Thema “Kosten” angelangt. Viele sind gegen Stuttgart21. Ob das nur an den möglicherweise ausufernden Kosten liegt sei einmal dahingestellt. Für mich stellt dieser Punkt einen entscheidenden Faktor dar. Ich persönlich bin grundsätzlich ein Befürworter von S21 – wenn die finanziellen Aufwendungen in einem vernünftigen Rahmen liegen würden. Das Vorhaben hat eine gewissen Charme und wird einen einzigartigen Bahnhof schaffen. Umwelt- und Naturschutz ist ein wichtiges Thema. Ob hier ein paar Käfer oder Bäume jedoch wirklich der Knackpunkt sein dürfen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Das Schlichtungsverfahren wird u.U. die wahren Zahlen zu Tage bringen. Aber schon jetzt muss man kein Hellseher sein, um eine Explosion der Kosten prognostizieren zu können. Das zeigt sich an dem Beispiel der ICE-Neubaustrecke Köln-Rhein/Main. Aus ursprünglich anvisierten 1,7 Milliarden Euro wurden am Ende etwa 6 Milliarden. Eine wirtschaftliche Betriebsführung wird in Zweifel gezogen. Mehrkosten mussten zwar grundsätzlich von der Deutschen Bahn AG getragen werden – aber was macht das für einen Unterschied? Die DB ist ein Unternehmen, dass sich zu 100% im Staatsbesitz befindet. Es ist somit nicht der Fall, dass der Bund in Partnerschaft mit einem privaten Unternehmen solche Projekte stemmt. Hier arbeiten Staat und Staatsunternehmen Hand in Hand. Interessant wäre es schon einmal zu sehen, wenn nicht die DB sondern ein “echtes” privates Unternehmen als Partner des Bundes auftreten würde. Ob dieses Kostensteigerungen ebenso verschleiern oder einfach hinnehmen würde? Ein Einzelfall sind derartige Kostenexplosionen nicht. Auch der Neubau des Berliner Hauptbahnhofes war am Ende mehr als doppelt so teurer, wie ursprünglich geplant. Der Eindruck entsteht, dass derartige Großprojekte zuvor künstlich niedrig und ohne “Reserve” gerechnet werden, um sie Entscheidungsträgern und Volk zu vermitteln. Ist der Bau erst einmal begonnen worden, so gibt es meist eh kein Zurück mehr. Dann wird weitergebaut und die Mehrkosten werden übernommen – von wem auch immer. In Stuttgart scheint es nun der Fall zu sein, dass man die Kosten bereits vorab genauer unter die Lupe nehmen möchte. Es steht dabei gar nicht grundsätzlich zur Debatte, dass Kosten steigen können. Unvorhergesehene Ereignisse, gestiegene Rohstoffkosten, etc. kommen nun einmal vor. Sie sollten aber von vorneherein zumindest mit einer Summe X mit einkalkuliert werden. Wenn am Ende dann Steigerungen im Bereich 50-150% stehen, dann hat man der Öffentlichkeit entweder die wahren Kosten nicht mitgeteilt oder man ist einfach nur unfähig, ein solches Projekt zu kalkulieren. So einfach ist das…

Ach ja, und wer vehement darauf beharrt, dass ein Scheitern von S21 zukünftige Großprojekte unmöglich macht, der redet ziemlich groben Unfug. Eine solche Argumentation zeigt nur, wie unsicher manche Befürworter sind. Den Baustopp der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf hat Deutschland auch überlebt – obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits 5 Milliarden Euro verbaut worden waren. Man sollte aufhören, künstlich Panik zu verursachen und S21 zu einem Schicksalsprojekt zu erklären. Auch in der Zukunft wird es große Bauvorhaben in Deutschland geben. Nur sollte man dann auch die Bürger direkter in den Entscheidungsprozess einbinden und vor allem die Kosten in ihrer wahren Höhe bereits zu Beginn auf den Tisch legen. Die Deutschen sind nicht innovationsfeindlich. Sie reagieren nur etwas empfindlich, wenn sie merken, dass Politiker ihnen Unsinn erzählen…

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