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Anfang des Jahres hätte wohl niemand von uns erwartet, dass die Atomenergie in Deutschland faktisch über Nacht derart in Frage gestellt wird, wie es zurzeit der Fall zu sein scheint. Schließlich ist es noch nicht einmal ein Jahr her, dass die Laufzeiten für die deutschen Kernenergiekraftwerke verlängert wurden. Doch die nukleare Katastrophe im japanischen Fukushima lässt selbst einst ideologisch anmutende Atombefürworter umdenken. Ob nun ehrliche Erkenntnis, Aktionismus oder Kalkül dahinter steckt – mittlerweile sind es eben nicht mehr nur SPD und Grüne, die auf eine echte Energiewende setzen wollen. Es könnte schon bald politischer und gesellschaftlicher Konsens sein, dass man die Kernenergie begräbt und vehementer auf den Ausbau der so genannten erneuerbaren Energieerzeugung setzt. Zwar gibt es möglicherweise auch sicherere Alternativen im Bereich der Nukleartechnik. Doch ob die Kernfusion jemals eine Chance haben wird, das verbleibt im Reich der Spekulation. Marktreif ist diese Form der Stromgewinnung bis dato eh noch nicht. Und ob sie jemals Gesellschaftsfähig sein wird, das steht ebenso in den Sternen. Egal wie sicher und störungsfrei sie (theoretisch) wäre.

Wohin die Reise gehen muss!

Was würde also geschehen, wenn wir irgendwann komplett aus der Kernenergie aussteigen wollen bzw. wir ausgestiegen sind? Zunächst einmal müssen die Ausfälle kompensiert werden. Kurz- und mittelfristig können die “Erneuerbaren” diesen Dienst nur bedingt leisten. Man wäre für einen Übergangszeitraum auch auf die klimaschädlichen Gas- und Kohlekraftwerke angewiesen. Alternativ sind auch „saubere“ Stromimporte aus dem Ausland denkbar. Dies sollte jedoch höchstens als Notfallplan oder vorübergehende Ergänzung angestrebt werden. Eine ökologische Energierevolution in Deutschland würde somit erst einmal auf sich warten lassen – darüber sollten wir uns alle im Klaren sein. Wer schnell aus der Kernenergie raus möchte, der muss vorerst mit Kohle und Gas leben. In einem weiteren und parallel verlaufenden Schritt müssen Erdwärme, Biomasse sowie Wind- und Solarkraft massiv ausgebaut werden. Dies muss mit einer Verbesserung der Energieinfrastruktur (Hochspannungsleitungen) einhergehen, damit der ökologisch erzeugte Strom auch über weite Strecken transportiert werden kann. Ein anderes großes Manko gilt es ebenso zu beheben: Die Speicherfähigkeit. Zurzeit können Wind- und Solarenergie i.d.R. nur dann genutzt werden, wenn der Wind weht bzw. die Sonne tatsächlich scheint. Derartige Technologien sind jedoch bereits am Markt vorhanden und müssen “nur” noch flächendeckend eingesetzt werden.

Die Energieerzeugung wird sich dadurch auch in einer anderen Art und Weise revolutionieren: Zukünftig werden nicht mehr große Meiler und Kühltürme die Republik dominieren. Die Stromproduktion von übermorgen wird weitaus dezentraler aufgestellt sein. Solar-Paneele auf dem heimischen Dach und Windräder im Grünen – an dieses Bild werden wir uns gewöhnen müssen – wenn wir es nicht teilweise schon längst getan haben. Hinzu werden sich große Offshore-Windparks auf See und große Solarkraftwerke in flachen Gebieten gesellen. Im ländlichen Raum werden Erdwärme und Biomasse eine weitaus bedeutendere Rolle spielen, als es heute der Fall ist. Es ist somit der „Energiemix“, der den deutschen Energiemarkt verändern wird. Wie sich schlussendlich die Anteile der verschiedenen Formen der Energieerzeugung verteilen werden, das wird die Zukunft zeigen. Ein wichtiges Ziel sollte jedoch immer im Auge behalten werden: Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie muss langfristig auch das Ende der Stromerzeugung aus Kohle und Gas erfolgen.

Und was macht Europa?

Wünschenswert wäre es, dass eine solche ökologische „Energieagenda“ auf EU- bzw. gesamteuropäischer Ebene koordiniert und durchgeführt wird. Denkbar wäre eine Arbeitsteilung in der Erzeugung der erneuerbaren Energien: Wasser und Wind im Norden – Solar im Süden. So könnte man die wünschenswerte Zukunft europäischer Energiepolitik schematisch und vereinfacht beschreiben. Damit würde man Europa endlich eine neue und zugleich bedeutsame Aufgabe zukommen lassen, die auch die nachfolgenden Generationen beschäftigen wird. Ein Nebeneffekt wäre, dass man mit diesem Schritt die Abhängigkeit von Gas-, Kohle- und Ölimporten für die Stromerzeugung reduzieren oder gar eliminieren könnte. Doch von derartigen Konzepten sind wir wohl leider noch sehr weit entfernt. So lange Länder wie Frankreich ohne Kompromisse auf die Kernenergie setzen, macht ein solcher Schritt nur bedingt Sinn und wird im Status einer „Vision“ verbleiben. Aber vielleicht findet sich für ein solches Projekt ja auch eine Art “Koalition der Willigen”.

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