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Etwas unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit befindet sich Belgien seit mittlerweile über 200 Tagen in einer Art Staatskrise. Nach den letzten Parlamentswahlen konnten sich die beiden größten Volksgruppen, Flamen und Wallonen, nicht auf die Bildung einer gemeinsamen belgischen Regierung einigen. Aus diesem Grund amtiert seit diesem Zeitpunkt der längst abgewählte Flame Yves Leterme als geschäftsführender Ministerpräsident. Das Land wirkt gelähmt.

Die Situation erscheint verzwickt. Im nördlichen Flandern, das als wirtschaftlich stärker gilt, existieren zahlreiche von der dortigen Bevölkerung unterstützte politische Kräfte, die unter gewissen Umständen eine unabhängige Republik anstreben. Dem hingegen möchte das französischsprachige Wallonien die Einheit Belgiens erhalten – eine Position, die auch der belgische König Albert II. vertritt. Alles hängt an der Frage, ob den Flamen Zugeständnisse hinsichtlich einer finanzpolitischen Autonomie gemacht werden oder nicht. Sollten sich die Wallonen dieser Forderung versperren, so wird eine Teilung Belgiens zusehends wahrscheinlicher. In einer Zeit, in der Nationalismus und Separatismus als überwunden geglaubt erscheinen, mag dieser Konflikt mitten im Herzen Europas seltsam anmuten. Würde eine vertiefte bundesstaatliche Lösung nicht beide Seiten zufrieden stellen können? Könnte nicht ein föderaler Bund mit zwei weitestgehend autonomen Landesteilen und gemeinsamen Staatsoberhaupt den gordischen Knoten lösen? Ganz so einfach ist dies nicht. Der Gegensatz zwischen beiden Volksgruppen ist nicht neu. Der Konflikt konnte bereits mehrfach durch Zugeständnisse an eine bundesstaatliche Ordnung entschärft werden. Sollte es dieses Mal zu keiner Einigung kommen, so könnte der Wunsch der Flamen nach Unabhängigkeit tatsächlich in die Realität umgesetzt werden. Die zweisprachige Hauptstadt Brüssel, in der auch die wichtigsten Institutionen der Europäischen Union (EU) angesiedelt sind, könnte eine Art Sonderstatus erhalten und direkt von der EU verwaltet werden. Wallonien würde das „Rest-Belgien“ bilden und ungewollt ebenfalls ein unabhängiger Staat werden – außer man würde sich Frankreich anschließen. Die deutschsprachige Volksgruppe in Ost-Belgien, eigentlich zu Wallonien gehörend, könnte wohlmöglich wählen, ob man sich mit Deutschland vereinigen möchte…

Alles nur ein Hirngespinst? Auf den ersten Blick mag dies zutreffen. Jedoch zeigt die Geschichte, dass Staaten, in denen zwei oder mehr Volksgruppen nebeneinander existierten, niemals dauerhaft Bestand hatten. Im vergangenen 20. Jahrhundert fielen Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich, die Sowjetunion, Jugoslawien und die Tschechoslowakei auseinander. Belgien würde sich nur mit Verzögerung in diese Liste einreihen.

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