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Da mussten selbst eingefleischte soziale Marktwirtschaftler erst einmal schlucken. Das Land Baden-Württemberg übernimmt den knapp 45%igen Anteil des französischen Energieriesen EdF (Électricité de France) am deutschen Versorger EnBW (Energie Baden-Württemberg) – für schlappe 4,67 Mrd. Euro. De facto gerät EnBW nun unter (teil)staatliche Kontrolle. Dies geschieht keineswegs aus einer Not heraus, z.B. weil ein akuter Liquiditätsengpass drohte, nein, man mochte verhindern, dass sich ein anderer ausländischer Investor das Aktienpaket unter den Nagel reißen könnte. Schließlich hätten böse Russen, Chinesen oder Heuschrecken dadurch einen einfachen Zugang zum deutschen Energiemarkt erhalten können. EdF strebte einst selbst nach der Komplettübernahme – scheiterte jedoch am Widerstand des anderen Großaktionärs, den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken, wodurch das Investment aus französischer Sicht nicht mehr attraktiv erschien. In Stefan Mappus fand man nun geschwind einen Interessenten, der den Deal mit Hilfe der Investmentbank Morgan Stanley auf die Beine stellte.

Schwäbische Seilschaften

Soweit – so gut… Wären da nicht ein paar Ungereimtheiten, über die unter anderem “Die Zeit” in ihrer Online-Ausgabe berichtet. Zufälligerweise steht an der Spitze von Morgan Stanley Deutschland ein alter Kumpel von Mappus, Dirk Notheis, einst Vorsitzender der Jungen Union im Ländle. Man kennt sich schon aus Jugendtagen und sei, so heißt es, persönlich befreundet. Nicht nur, dass aus diesem Grund dem ganzen Geschäft der Geruch der Vetternwirtschaft anlastet, nein, es kommt gar noch hinzu, dass sich der Kaufpreis über die genannten 4,67 Mrd. Euro hinaus auf bis zu 5,9 Mrd. Euro erhöhen könnte. Wie es kommt? Zunächst einmal fallen so genannte „Erwerbsnebenkosten“ i.H.v. 200 Millionen Euro an, die bisher noch nicht näher erläutert worden sind. Des Weiteren wird durch die Übernahme des EdF-Anteils Baden-Württemberg in die Pflicht genommen, den Kleinanlegern ein Übernahmeangebot unterbreiten zu müssen. Dabei handelt es sich immerhin um knapp 10% des Gesamtkonzerns, der sich aktuell in Streubesitz befindet. Dies schlägt noch einmal mit einer knappen Milliarde Euro zu Buche – sofern das Angebot angenommen wird. Alles halb so wild, denkt man sich in Stuttgart. Schließlich soll der EnBW-Anteil in einigen Jahren wieder verkauft werden – mit Gewinn versteht sich. Das Selbstverständnis eines Bundeslands scheint Mappus also derart zu definieren, dass man Beteiligungen an Unternehmen erwerben und mit Profit wieder veräußern möchte. Dass selbst Investoren, also Experten, mit dieser Aufgabe oftmals überfordert sind, scheint ihn nicht zu stören. Dass der Wert eines Unternehmens nicht zwangsweise steigt, ebenso. Aber zur Not gibt es ja immer noch den Steuerzahler, der für derartige Investitionen gerade stehen könnte. Egal wie wahrscheinlich es ist, dass dieser Fall eintritt. Alleine die Tatsache, dass ohne konkreten und nachvollziehbaren Zugzwang ein derartiges Geschäft in Milliardenhöhe eingefädelt wurde, erscheint grob fahrlässig.

Die Frage nach dem Sinn

Selbst wenn das Geschäft ohne jeden Makel abgeschlossen worden wäre stellt sich die Frage, warum die öffentliche Hand, die vor Schulden nur so erdrückt wird, derart überraschend in ein privatwirtschaftliches Unternehmen einsteigt. Hat man einen solchen Schritt bei der Commerzbank noch aufgrund der Finanzkrise ansatzweise verstanden (“systemrelevant”), so runzeln jetzt selbst viele Experten die Stirn.

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