Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal – diese Stationen sind für den modernen Politiker die Karrierestufen, die ohne Unterbrechungen absolviert werden. Bei manchen steht bereits früh fest, dass die eigene Zukunft in der Politik zu suchen ist – ob aus eigenem Antrieb oder durch sanfte Anweisung der Familie sei dahingestellt. Mit 14 kann man als Jugendlicher in eine politische Jugendorganisation eintreten: Junge Union (CDU), Jungsozialisten (SPD), Junge Liberale (FDP), Grüne Jugend (B90/Die Grünen) und Solid’ (Die Linke) stehen je nach politischer Ansicht offen. In den Jugendorganisationen erklimmt man dann möglichst im Schweinsgalopp die Ämterlaufbahn: Man rackert sich als Pressesprecher im Ortsverband ab, führt Duelle gegen Konkurrenten (im Übrigen teils erbitterter als gegen politische Feinde… Insofern wohnt auch hier der Aufzählung Feind, Todfeind, Parteifreund ein großer Funken Wahrheit inne) und versucht so sich als politische Nachwuchshoffnung einen Namen zu machen. Parallel dazu beginnt man nach bestandenem Abitur ein Studium, das einen optimal auf die spätere politische Laufbahn vorbereitet: Gängige Studienfächer sind dabei Wirtschafts-, Verwaltungs- oder Rechtswissenschaften. Oftmals muss der geneigte Abgeordnetenanwärter jedoch eine Trockenzeit überbrücken, beispielsweise wenn die lang ersehnte Wahl erst in 2 Jahren abgehalten wird. Diese Zeit ist natürlich nicht von Untätigkeit geprägt: Man arbeitet in der Pressestelle der Partei, bei dem fast greisen Abgeordneten im Büro, dessen Nachfolge man erstrebt oder in einer Planungsstelle eines Parlaments. Dabei pflegt man bereits sein politisches Netzwerk und schnuppert in den alltäglichen Parlamentsbetrieb hinein. Doch dann ist der Moment gekommen: Das Hauen und Stechen, das Stehen am Marktstand und das Lächeln in Kameras hat sich endlich gelohnt – man wurde zu einem Mitglied des Bundestages, Landtages oder Europaparlaments gewählt.


“Wer Politik treibt, erstrebt Macht.”

Max Weber


Max Weber 1894Bewusst ironisch habe ich die obigen Zeilen verfasst – doch trotz der Ironie trifft dieser Werdegang auf zahlreiche Politiker zu: Johannes Vogel, ein junger Abgeordneter der FDP-Bundestagsfraktion, ist als Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen in den Bundestag gewählt worden. Niels Annen, ein SPD-MdB, scheiterte gar an seinem Hochschulabschluss – neben der Parlamentstätigkeit hatte er wohl keine Zeit zum Pauken des Latinums.

Diese Politiker können sich aalglatt und medienerfahren präsentieren. Rhetorisch sind sie ihren meisten Gleichaltrigen weit überlegen. Zudem ist man auch versucht ihnen zu glauben, dass sie an ihren politischen Inhalten nicht selbst zweifeln – jedenfalls würden sie Selbstzweifel nie öffentlich zeigen.

Das führt aber auch zu einer Verwirtschaftlichung der Politik: Nicht eigene Schicksale und tiefste Überzeugungen führen zum Einstieg in die Politik, sondern Karriere- und Machstreben. Dieses Streben führt sich fort: Reichtum, Ruhm und Bewunderung sollten Begleiterscheinungen der Politik werden. Kumuliert führt das zu denkwürdigen Karrieren in höchste Staatsämter, bisweilen in das höchste Staatsamt.

cicero

Cicero, einer der begnadesten antiken römischen Politiker, war Mehrheitsführer im Senat – und Anwalt, die für ihn im Vordergrund stand. Im jungen deutschen Kaiserreich waren Berufspolitiker verpönt. Die Mandatstätigkeit sollte bestenfalls im Nebenerwerb stattfinden. So setzten sich die Parlamente aus Unternehmern, Reichen und Hochgeborenen zusammen. Das ist ein Nachteil für ein Parlament: Verlangt der Staat von seinen Mandatsträgern ihre Aufgabe im Nebenerwerb auszuführen, werden berufliche Gruppen ausgeschlossen, bzw. können sich den Luxus eines Politikerlebens gar nicht leisten: Ein Queerschnitt der Bevölkerung kann so in einem Parlament nicht repräsentiert werden. Um ehrlich zu sein: Das ist auch in heutigen Parlamenten nicht gegeben.

Natürlich gibt es auch positive Beispiele: Wolfgang Bosbach arbeitete jahrelang als Supermarktleiter und als Anwalt, bevor er in den deutschen Bundestag einzog. Bei Rainer Wieland, dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments war dies ähnlich.